Der verhangene Himmel

Nein, es ist nicht nur die Monsunzeit, die wieder pünktlich zu Anfang Juni eingesetzt hat und bislang gute Niederschläge bringt, welche den indischen Himmel verhangen erscheinen lässt. Es ist die Gesamtsituation des Landes in der gegenwärtigen Mischung aus Klima (natürlich), aus Corona (zunehmend), aus den sich abzeichnenden massiven wirtschaftlichen Einbrüchen – und dem nach wie vor zunehmenden Nationalismus; nicht nur der politischen Führung. Vom Westen fast unbemerkt ereignete sich Mitte Juni im Galwan-Tal, an der „Line of Control“ zu China wieder ein lokales, aber durchaus explosives Scharmützel mit Todesfolgen auf beiden Seiten, welches die Berichterstattung wochenlang dominierte. Die Aussichten sind in vielerlei Hinsicht trübe, verhangen!

Viele Inder nehmen Covid19 stoisch hin

Während sich die einzelnen Bundesstaaten mit unterschiedlichen Ansätzen und bislang wenig nachhaltigem Erfolg bemühen, das Covid19-Virus einzudämmen, hat sich der Durchschnittsbürger längst an diese letztlich unkontrollierbare Bedrohung mit seinen wiederkehrenden ‚Lockdowns‘ gewöhnt. Masken tragen oder ‚social distancing‘ Disziplin sind dabei nur eingeschränkt zu beobachtende Verhaltensweisen; viele Inder argumentieren offen damit, man sei „viel gewohnt und gegen Seuchen ohnehin robuster als andere Nationen“. Von Ende Juni bis Ende Juli verdoppelte sich damit auch munter die Zahl der Infizierten landesweit auf fast 1,5 Millionen, wobei die Sterberate weiterhin vergleichsweise gering ausfällt. Tendenz jedoch weiterhin steil nach oben.

Home-Office in Indien: 7 Leute auf 2,5 Zimmern

Für den Gebildeten und Begüterten ist längst der ‚Home Office‘-Alltag eingekehrt; mein Nachbar von gegenüber erfuhr gerade, dass seine (amerikanische) Firma dies bis Ende 2021 fortsetzen will – und das findet er sogar gut. In seiner mit 7 Personen bewohnten 2,5 Zimmer Wohnung hat er seinen Arbeitsmodus finden können, das „ständig-aufeinander-Hocken“ ist der indischen Lebensrealität gut vertraut. Auch wird wieder fröhlich geheiratet und mehr als einmal hörte ich von Brautpaaren eine Erleichterung ob der Beschränkung der Gästezahl auf 50; so billig heirate man nie wieder und man gerate nicht in Verlegenheit bei der Auswahl an Einzuladenden. Die normalen Kernfamilien sind allein schon häufig mehr…

Die Armen fallen oft durchs Hilfsnetz

Ganz anders jedoch der Ausblick für die unteren Einkommensgruppen aus zahllosen Tagelöhnern oder Wanderarbeitern (gut 40 Millionen). Zwar spannte sich ein weites Hilfsnetz aus staatlichen Soforthilfe-Programmen aller Art, privaten oder Firmen-Initiativen und gezielten Aktionen sozial tätiger Organisationen (wie z.B. den Partnern der Inter-Mission), doch ist jenes sehr weitmaschig. Es purzeln viele hindurch, zunehmend auch in den blanken Hunger. Diese bereits sichtbaren sowie die noch weitgehend unsichtbaren gesamtwirtschaftlichen Folgen der Pandemie machen mittlerweile nicht nur die - ansonsten sehr ausdrucksstarken - politischen Führer sprachlos.

Wir helfen weiterhin

In diese Sprach- und oft auch Hoffnungslosigkeit hinein arbeiten die Partnerorganisationen der Inter-Mission stetig weiter, getragen auch durch Ihre Spende. Die blaue Grafik zeigt dies nur beispielhaft. Doch die Kinder der Projekte und ihre Familien sind dadurch noch verhältnismäßig „gut versorgt“. Fast alle Kinder vermissen am meisten die Schule, denn sie wollen lernen und vorankommen. Wie wir alle. In Europa haben wir längst wieder Perspektive/n gefasst. Doch wohin geht die indische Reise?

Autor: Mitarbeiter der Inter-Mission in Indien (wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt)