Christenverfolgung in Indien auch nach Wahlen wahrscheinlich

Im Mai dieses Jahres ist es wieder soweit: Fast 815 Millionen Wahlberechtigte (das sind 13x so viele, wie in Deutschland) sind aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen und damit auch den Premierminister. Bilder des amtierenden Premiers Narendra Modi, angeblich vom „Chai-Walla“, dem Teeverkäufer am Straßenrand, zum ersten Mann im Staat emporgestiegen, prangen seit Monaten an allen nur denkbaren öffentlichen Stellen haushoch von Plakaten und erinnern an die zahlreichen Segnungen, die seine Regierung gebracht hat. Darunter sind Millionen Haushalte mit subventioniertem Gas und natürlich die vielen Toiletten, die nun Indien innerhalb 5 Jahren angeblich „public defacation free“ gemacht haben. Soll heißen: Der „Gang der Natur“ wird nun auf dem Land nicht mehr in derselben verrichtet oder am Wegesrand, sondern in den überall in Dörfern errichteten Toilettenhäuschen aus Backstein und Blechdach. Sagt das Plakat. Doch wer sagt oder glaubt tatsächlich, dass jahrhundertelange Traditionen sich mit einem solchen Bauwerk verändern lassen? Sie werden tatsächlich benutzt, diese Häuschen, zumeist als trockene Lagerräume...

Im Ausland wurde Modi in den vergangenen Jahren als charismatischer Politiker, der anpackt und Mut hat zur – auch radikalen – Veränderung, zumeist hofiert. Denn Indien als Marktplatz darf heute niemand mehr übersehen, der exportieren möchte, und das „Made In India“ wird nicht als Konkurrenz gesehen. Sein angeblich kompromissloses Vorgehen gegen Korruption und Schwarzgeld durch die ‚Demonetarisierung‘ vor gut zwei Jahren, bei der buchstäblich über Nacht 86% der Geldscheine für wertlos erklärt wurden, brachte ihm endgültig den Ruf des „Durchgreifers“ ein.

Allerdings blieb es beim Ruf, wie spätestens selbst der Bericht der indischen Nationalbank (RBI) Ende August 2018 offenbarte. Im Inland kostete den Premierminister diese Art der Politik deshalb auch sehr viel Sympathie, denn viele Reiche „verloren“ viel Geld und viele Arme zahlten die Zeche in Form von – teils dramatischem – Verdienstausfall über Monate hinweg. Schwarzgeld spielt also wieder seine gewohnte Rolle, und dies bekanntermaßen auch bei Wahlen. Unmittelbar vorher werden große Mengen davon verschoben, weshalb die Polizei auch offen auf den Straßen danach fahndet, und ein Schelm ist, wer beim Einsatz dieser Gelder an mögliche Wählerbeeinflussung denkt.

Parallel dazu formiert sich gerade die Opposition. War jene vor 5 Jahren noch sang- und klanglos untergegangen, so haben es die oppositionellen Führungspersönlichkeiten seither verstanden, geschickt Bündnisse zu schmieden und dem systematischen Bewerben des Wählers durch die Regierungspartei BJP, deren Leiter Amit Shah ein begnadeter Stratege und dazu workaholic ist, eine ebensolche Strategie entgegenzusetzen. Diese zeigte bereits in den jüngsten „Landtagswahlen“ überraschende Erfolge und geben der Opposition erheblich Auftrieb. Wie es scheint, schauen die Menschen doch genauer hin, ob Versprechungen tatsächlich eingehalten werden, auch die Bauern und die (immer noch fast 290 Millionen starke) Armee der Analphabeten.

In Indien werden die Wahlen auf dem Land gewonnen, sagt man, und vielleicht ist der begnadete Redner Modi aufgrund der zahlreichen Enttäuschten diesmal doch zu schlagen? Das wäre auch die Hoffnung vieler Christen hierzulande, denn in ihren Augen hat der in den letzten Jahren durch die Regierungspartei offen propagierte Hindu-Nationalismus das Leben für Kirchen und christliche Organisationen erheblich erschwert.

Mit der propagierten Schwarzgeldbekämpfung und Demonetarisierung kam nämlich auch die fast vollständige Kontrolle der Bankkonten durch den Staat und viele, die auch Gelder aus dem Ausland erhalten, mussten erleben, wie diese Kontrolle zunehmend rigider gehandhabt wurde – und wird. Und müssen dabei auch erfahren, wie behördenseits gerne auch mal Geld vorschnell zurückgehalten wird; manche würden hierbei von „Schikane“ sprechen. Dies betrifft mittlerweile auch fast alle Partner der Inter-Mission. Und hier nun wieder gab der regierungsseits geförderte Hindu-Nationalismus auch den militanteren Kräften der landesweit agierenden RSS-Gruppierung Auftrieb. Kein Wunder, betrachten diese doch Narendra Modi als einen der ihren, da jener in seiner Jugend Kadermitglied. bei dieser Gruppierung war.

Die Kehrseite hiervon sind jedoch zunehmend Übergriffe gegen Pastoren und christliche Versammlungen. Die Kommission für Religionsfreiheit der ‚Evangelical Fellowship of India‘ benannte kürzlich in einer Pressemitteilung deren Gesamtzahl im Jahr 2018 mit 325 und vermeldete damit die Fortführung des seit 2017 registrierten erheblichen Anstieges (Originalbeitrag unter: RLC Report 2018). Dabei waren zwei Ergebnisse augenfällig: Zum einen die Tatsache, dass der mit 17% der Gesamtbevölkerung zahlenmäßig größte Bundesstaat Uttar Pradesh, der von einer dort sehr stark ‚Pro Hindu‘ orientierten BJP Regierung geführt wird, mit 40% aller registrierten Ereignisse die Spitze bildete, obwohl im Bundesstaat selber nur 0,18% der Bevölkerung der christlichen Minderheit angehören.

Zum anderen aber überraschte der zweite Platzhalter, Tamil Nadu, welches als ein Bundesstaat mit einem vergleichsweisen hohen Anteil an Christen bekannt ist, in dem aber die BJP fast nicht vertreten ist. Auch hier wurden zahlreiche Kirchen, Priester und Pastoren angegriffen, bedroht oder eingeschüchtert. Und auch hier waren und sind Partnerwerke der Inter-Mission betroffen. Somit ist die Lage der Christen in Indien keine beneidenswerte: Einerseits sehnen sie sich, wie alle ihre Landsleute auch, nach einer starken Regierung, die der Korruption und Ungerechtigkeit ein Ende setzt, die ein Leben und Gewerbe-Treiben in Freiheit und Würde ermöglicht und in einer Zeit immensen Verdrängungswettbewerbes auf dem Arbeitsmarkt auf sozialen Ausgleich achtet, aber auch Aufstiegsmöglichkeiten bietet; andererseits aber scheint der derzeitige ‚starke Mann‘ auch den religiösen Minderheiten, zu denen sie zählen, wie beispielsweise auch der zahlenmäßig weitaus größeren Gruppe der Moslems, irgendwie die Luft abzudrehen und ein Indien zu propagieren, welches allein aus und für Hindus bestehen soll.

Viele fürchten, dass nach einer Wiederwahl der BJP in der kommenden Regierungsperiode die angestrebte Verfassungsänderung verwirklicht wird, welche dann den hinduistisch verankerten Nationalstaat bringen würde. Wo also soll man sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel setzen? Soll man überhaupt wählen gehen, wenn es keine berechenbare Opposition und schon gar keine christlich denkende politische Alternative gibt? Viele zucken bei diesen Fragen nur mit den Achseln. Was in dieser Situation aber die meisten Christen Indiens tun, ist dies: Sie nehmen biblische Passagen wie die Aufforderung des Apostels Paulus aus 1. Tim. 2, 1-4 sehr ernst und beten für ihr Land – und ihre Regierung! Und wie das so ihre Art ist, sie tun es mit Hingabe und Beständigkeit.