Mehr als ein Blatt Papier

Das Aufnahmeformular für Patenschaften der Inter-Mission für ein Heimkind ist rot. Verlässt das Kind die Einrichtung, wird in Indien ein gelbes Formblatt ausgefüllt.

Da liegt es auf dem Schreibtisch, dieses rote Papier in DIN-A5. Es beinhaltet weit mehr als nur Zahlen und einige Personenangaben. Es erzählt eine Geschichte, die mit dem gelben Vordruck daneben nur einen vorläufigen Abschluss findet – denn in Wirklichkeit geht sie natürlich weiter:

Harleen wird im März 1994 geboren, hat zwei Schwestern und gehört zu einer armen Hindu-Familie der unteren indischen Kasten. Ihr Vater stirbt 1999 infolge von Aids. Ihre Mutter hat sich vor Jahren bei ihm infiziert und ist schließlich so krank, dass sie nicht mehr arbeiten kann. Mitarbeiter des Krankenhauses, in dem sie behandelt wird, bringen die Tochter im November 2004 in unser Kinderheim in Südindien, in dem vor allem Kinder von Aids-Opfern betreut werden.

Wohlbehütet und liebevoll betreut wächst Harleen im Heim auf, macht sich gut in der Schule und absolviert nach dem Abschluss erfolgreich eine Krankenpflegeausbildung. Nach 11 Jahren verlässt sie das Heim und tritt ihre neue Arbeitsstelle in einem Krankenhaus an.

Es gibt auch Geschichten, die uns mit Fragen zurücklassen:

Ranjit ist 6 Jahre alt, als sein Vater ihn ins Heim bringt. Seine Frau ist gestorben, er weiß nicht, wie er sich allein um die 7 Kinder kümmern soll. Doch nach knapp fünf Jahren holt er den Sohn aus nicht näher genannten Gründen zurück nach Hause. 11 Jahre alt, zuletzt Klasse 5. - Was wird aus dem Jungen? Geht er weiter zur Schule? Welche Chancen werden sich ihm noch eröffnen? Oder war das DIE Chance? - Wir wissen es nicht. - Es bleibt die Hoffnung, dass - zu welchem Zeitpunkt auch immer ein Kind eine unserer Einrichtungen verlässt - der kleine Same, der gesät wurde oder das zarte Pflänzchen, das inzwischen im Herzen herangereift ist, bleibende Bedeutung für das weitere Leben behält.

Ein weiteres rotes Blatt Papier wartet auf dem Schreibtisch:

Amar wird im Oktober 2009 in Dharanipur/Darjeeling Distrikt geboren, er ist das einzige Kind der Familie. Beide Eltern arbeiten als Tagelöhner in einer Teeplantage, doch ihr geringer Lohn reicht bei weitem nicht aus, um ihrem Sohn den Besuch einer guten Schule zu ermöglichen. Sie möchten jedoch, dass er eine gute Chance für sein Leben erhält und bringen ihn 2006 in unser Kinderheim in Westbengalen. Schon auf seinem Aufnahmeformular ist vermerkt, dass er ein aufgeweckter und wissbegieriger Junge ist.

2015 reist der Vater nach Delhi und kehrt nicht mehr zurück. Alle Versuche, etwas über seinen Aufenthalt herauszufinden, scheitern. Die Mutter weiß nicht, wie sie ihrem Sohn eine Ausbildung ermöglichen kann, als dieser 2017 nach Abschluss der 11. Klasse das Heim verlässt. Über unsere Partnerorganisation in Westbengalen erfährt sie von der Möglichkeit der gesponserten Berufsausbildung bei GEMS in Bihar. Dort wird Armar im Sommer 2017 aufgenommen und studiert seitdem Informatik.

Der Wert für das einzelne Leben ist unschätzbar. 

Das erinnert mich an das Gleichnis des verlorenen Schafs. Es geht um das eine, für das sich der Hirte auf die Suche begibt. 99 lässt er zurück. Obwohl man meinen könnte, auf eines komme es doch gar nicht an, wenn man so viele hat. Aber er nimmt die zeitaufwändige Suche und den anstrengenden Rücktransport des schweren Tieres auf seinen Schultern in Kauf. Mit diesem Bild will Gott uns sagen: Genau das mache ich. Für einen Menschen. Für jeden von euch.

Autorin: Annette Grunick, Patenschaftsverwaltung und Spenderservice der Inter-Mission

Anmerkung: Die Namen der Kinder wurden aus Sicherheitsgründen geändert.