Hallo, Harleen! Würdest du bitte etwas über dich und deine Familie erzählen?
Ich heiße Harleen Jai und bin 20 Jahre alt. Ich habe einen älteren und einen jüngeren Bruder und vier kleine Schwestern. Mein Heimatdorf liegt bei Akhori Gola, das ist eine sehr entlegene Gegend in Bihar. Mein Papa arbeitet auf den Feldern und meine Mama ist Hausfrau.

Wie stark ist bei dir die Polio-Lähmung ausgeprägt und wie kamst du als Kind damit zurecht?
Meine Beine sind von der Hüfte abwärts gelähmt. Ich hatte ständig Minderwertigkeitsgefühle. Bis zum 12. Lebensjahr musste ich immer auf allen Vieren krabbeln. Meinen kleinen Schwestern beim Rennen und Spielen zuzusehen, brach mir das Herz.

Haben dich deine Angehörigen gut versorgt?
Nein, überhaupt nicht. Meine Familie ist hinduistisch. Mein Vater ist Alkoholiker und kümmerte sich fast gar nicht um uns. Ich galt aufgrund meiner Krankheit für die ganze Verwandtschaft als Last oder Fluch und wurde deshalb auch in keine Schule geschickt.

Hattest du Hobbies und Träume?
Na klar! Da ich meine Beine nicht benutzen konnte, war ich mit meinen Händen umso geschickter. Meine Hobbies waren Malen und Stricken. Ich träumte oft davon Lehrerin zu werden. Aber in unserer Kaste darf man nur Farmer werden.

Wodurch veränderte sich dein Leben?
Es gab drei wesentliche Ereignisse, die mein Leben positiv veränderten.
Das erste war, dass ich mit 12 Jahren in das Polio-Heim von GEMS gebracht wurde. Dort fand ich nicht nur viele Freunde und Leidensgenossen, sondern erlebte auch gesundheitliche Verbesserung. Eine Operation ermöglichte es mir mithilfe von Krücken und Schienen aufrecht zu laufen. Physiotherapie und gutes Essen gab es auch regelmäßig. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, dass ich geliebt werde. Ich ging dort zur Schule, lernte Lesen und Schreiben.

Was war das zweite wesentliche Ereignis, das dein Leben positiv veränderte?
Das geschah als ich Jesus Christus als persönlichen Erretter annahm. Nach der zehnten Klasse besuchte ich einen 6-monatigen Kurs der Mädchen-Bibelschule von GEMS und entschied mich ganz konkret Jesus Christus nachzufolgen. Im Jahre 2013 ließ ich mich taufen und bin glücklich ein Kind Gottes zu sein.

Und die dritte positive Veränderung?
Nach der Bibelschule wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte immer noch große Angst vor der Zukunft und wollte nicht zurück in meine Familie. Aber ich bin Gott sehr dankbar für die Möglichkeit das Girls ITI von GEMS zu besuchen. Dort machte ich eine Ausbildung zur Näherin. Ich konnte mir Wissen und Fähigkeiten aneignen, die nicht nur mein Selbstwertgefühl steigerten, sondern mir auch die Angst und Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft nahmen. Gleich nach meiner Ausbildung fand ich eine Stelle als Näherin in dieser Nähfabrik.

Was machst du hier genau?
Ich nähe mit elektrischen Nähmaschinen immer zwei Stoffstücke zusammen. Je nach Auftrag, den wir bekommen, muss ich verschiedene Kleidungsstücke anfertigen. Doch im Laufe der Zeit habe ich mich auf Hemden und Hosen spezialisiert.

Würdest du die Ausbildung anderen Mädchen empfehlen?
Ja! Ich gönne vielen Mädchen die Ausbildung im Girls ITI, sie wird auf jeden Fall ihr Leben bereichern.

Autor: Mitarbeiter der Inter-Mission in Indien (wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt)