Reisebericht aus Nepal

Reisebericht aus Nepal
Margit Thum
Gründerin & Betreuerin des Birched Projektes

Nepal – dieses kleine Land am Himalaya – das ich bereits viele Male besucht habe, zieht mich immer wieder neu in seinen Bann. Die faszinierende Bergwelt mit ihren vielen Achttausendern begeistert auch jährlich Tausende von sportbegeisterten Touristen aus der ganzen Welt und die einzigartige Mischung aus hinduistisch-buddhistischer Kultur, Architektur und Kunst sowie die ethnische Vielfalt dieser liebenswürdigen, gastfreundlichen Menschen machen eine Nepalreise zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Trotz all der landschaftlichen und kulturellen Vorzüge ist Nepal jedoch ein Land der Kontraste und zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Smog, Abgase, Verkehrschaos in der Hauptstadt Kathmandu, mangelnde Infrastruktur und medizinische Versorgung sind nur einige der großen Probleme und Herausforderungen, die dieses kleine Land zwischen seinen großen Nachbarn Indien und China (Tibet) zu bewältigen hat.

Im Februar 2018 besuchte ich für 10 Tage unser Bethsaida Schulintegrationsprojekt. 

Hier ermöglichen wir seit 2014 Kindern aus ärmsten und unterprivilegierten Familien in der Himalayaregion eine Schulbildung. Mittlerweile betreuen wir 80 Kinder im Alter von 7 bis 16 Jahren, indem wir sie in lokalen Dorffamilien unterbringen, ihnen den Zugang und die Integration in die dortige Schule organisieren und sie mit den nötigen Schulmaterialien, -uniformen etc. versorgen. Ohne unsere Unterstützung hätten diese Kinder keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, da es in ihren entlegenen Bergdörfern oft keine Schule gibt und sie ansonsten stundenlange Wege zu bewältigen hätten. 

Durch unsere Bildungsmaßnahme geben wir ihnen eine Chance auf eine bessere Zukunft und öffnen ihnen eine hoffnungsvolle Perspektive für ihr späteres Leben. 

Auch diesmal war mein Besuch in Birched-Village eine abenteuerliche und strapaziöse Tour. Nach 8-stündiger Fahrt mit einem lokalen Bus auf staubigen, nicht asphaltierten Bergstraßen durch unwegsames Gelände wurden wir am späten Nachmittag plötzlich angehalten mit der Ansage, dass Bauarbeiten die Strecke behinderten und wir alle aussteigen müssten. Unsere Fahrt könnten wir erst nach ca. zwei Stunden fortsetzen. Welch ein unvorhergesehenes Ereignis! Für unser Ziel stand uns nämlich noch eine ca. 3-stündige Bergtour zu unserem Dorf bevor. Sollten wir einen Aufstieg in der Nacht riskieren? Dies erschien meinem nepalesischen Mitarbeiter und mir zu riskant und gefährlich.

Nach einigem Überlegen und Gebet entschieden wir uns, die Reise an diesem Abend nicht mehr fortzusetzen. So organisierten wir eine Unterkunf im nächst gelegenen Dorf, wo es eine kleine christliche Gemeinde gab und der Gemeindeälteste uns eine Unterkunft anbot.

Bei völliger Dunkelheit erreichten wir gegen 20 Uhr das kleine Dorf, das aus wenigen baufälligen Häusern bestand und nur spärlich beleuchtet war. Wir befanden uns mitten in der Region, die 2015 vom schwersten Erdbeben Nepals seit 80 Jahren heimgesucht wurde. Das halbe Dorf glich auch nach fast drei Jahren noch einem kleinen Trümmerhaufen, was mich ziemlich schockierte. Angeblich schafft es nur ein Bruchteil der internationalen Gelder, die für den Wiederaufbau des Landes gespendet werden, zu den wirklich Betroffenen.

Die einfache Holzhütte, in der wir übernachteten, bot einen äußerst ärmlichen und deprimierenden Anblick. Durch die Wandritzen blies eisiger Wind – wir befanden uns bereits auf ca. 2.300 m – und eingehüllt in mehrere Schichten warmer Decken überstanden wir die Nacht. Großeltern, Eltern, Kinder, Besucher – alle unter einem Dach! Ich betete innigst, dass Gott uns diese Nacht in dieser baufälligen Behausung vor einem Erdbeben bewahren möge und wider Erwarten konnte ich sogar die Nacht durchschlafen. Trotz all der äußeren Armseligkeiten hat mich die gastfreundliche und bescheidene Art dieser liebenswürdigen Menschen wieder tief beeindruckt. Sie sind täglich so existentiell auf Gottes Schutz und Bewahrung angewiesen und leben dies in einer vertrauensvollen und innigen Gottesbeziehung aus.

Am nächsten Morgen begann dann unser 3-stündiger Aufstieg zu unserem Dorf - Birched-Village. Es liegt auf ca. 2.700m wie ein ‚Shangri-La‘ in einer friedlichen, vergessenen Welt, eingebettet in fruchtbare Terrassenfelder und umgeben von mächtigen schneebedeckten Achttausendern. Ein unvergesslicher Anblick!

Wir waren sehr erfreut, dass wir all unsere Kinder gesund und froh gestimmt antreffen konnten. Sie besuchen mit viel Freude die ‚Public Primary and Secondary School‘ (staatliche Grund- und Mittelschule) mit insgesamt ca. 400 Schülern. Auch diese Schule wurde 2015 völlig zerstört. Zwischenzeitlich konnte sie wieder mit staatlichen Mitteln aufgebaut werden, obwohl der Unterricht der höheren Klassen immer noch unter offenen Wellblechdächern stattfindet. Auch das Lehrerzimmer ist weiterhin ein Provisorium, in dem sich die Lehrer in ihren dicken Daunenjacken vor teilweise eisiger Zugluft schützen müssen.

Am Nachmittag organisierten wir eine Versammlung mit unseren 80 Kindern in der örtlichen Gemeinde. Die Kinder besuchen hier regelmäßig die Kinderstunden und Gottesdienste. Die Gemeindeältesten haben die Verantwortung für ihre geistliche Betreuung übernommen und sind darin sehr engagiert. Es ist eine junge, sehr lebendige Gemeinde, die dort vor Jahren in der einst komplett buddhistischen Region entstand. Nepal zählt inzwischen zu den Ländern mit den am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinden weltweit. 

Nach vielen Liedern, einer Botschaft in Englisch und Nepalesisch und einer kleinen Geschenkaktion feierten wir alle, Erwachsene wie Kinder, ein großes Fest. Es gab Berge von Reis, Dhal (Linsensuppe), Gemüsecurry und als große Besonderheit Hähnchen.

Die Kinder hatten das Essen unter Anleitung größtenteils selbst auf offenen Feuerstellen in rußgeschwärzten Räumen zubereitet. Die Selbständigkeit und Reife dieser Bergkinder erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Trotz einiger Sprachbarrieren hatten wir eine wunderbare Gemeinschaft mit unseren gläubigen nepalesischen Geschwistern. 

Wir beten für unsere 80 Kinder, dass sie neben schulischer Bildung vor allem auch im Glauben wachsen und dass die Saat, die wir gelegt haben, einmal reichlich Frucht bringen wird. Wir danken den Spendern für alle Gebete und Unterstützung, die das Leben dieser Bergkinder verändert!