Es ist ein gewöhnlicher Januarmorgen in Südasien. Unser Alltag in der Missionsklinik beginnt 8.30 Uhr mit Gesang, Gebet und einer Andacht in der Landessprache. Anschließend werden die Morgenvisite durchgeführt, ambulante Patienten versorgt und Operationen durchgeführt. Nach der Andacht erhalte ich einen Anruf von Dr. Graham, einem Assistenzarzt aus dem Süden. Er bittet mich, eine Patientin zu visitieren:

Kamikas Rettung – eine Hoffnungsgeschichte

Es handelt sich um ein neunjähriges Mädchen: Kamika (Name geändert). Sie ist dünn für ihr Alter, atmet schnell und lässt sich kaum wecken. Die Ärzte haben bereits Tests durchgeführt, Diagnose: Diabetes Typ 1 – die Werte so hoch, dass sie in Lebensgefahr ist und eigentlich eine intensivmedizinische Therapie bräuchte, was leider in diesem Krankenhaus kaum möglich ist. Zudem kennt sich keiner der Ärzte (ich inklusive) mit der Behandlung pädiatrischer Patienten aus: Kinder sind keine kleine Erwachsene – es gibt viele Besonderheiten in der Kindermedizin.

Als Ärztin Esther (linkes Bild, Mitte) das erste Mal Kamika traf, ging es um Leben und Tod

Wir haben überlegt, die Familie in ein größeres Krankenhaus mit Kinderärzten zu schicken, das haben sie jedoch höflich abgelehnt. Als die Klinikverwaltung mit der Mutter über die Kosten der Therapie und lebenslangen Insulinbehandlung spricht, wird klar, dass sich die kleine Familie das auf keinen Fall leisten kann.

Kamika ist eine Halbwaise. Ihr Vater starb vor wenigen Jahren vermutlich auch an unbehandelter Diabetes. Die Oma hat nach dem Tod des Vaters die Mutter mit vier Kindern vor die Tür gesetzt. Die Dorfbewohner haben das Schicksal der Familie mitbekommen und die Oma angefleht, ihnen wenigstens ein Stück Land zu überlassen, damit sie nicht auf der Straße enden. Darauf hat Kamikas Mutter eine Unterkunft gebaut. Um die Familie zu ernähren, arbeitet sie tagsüber auf den Feldern.

Die Kosten für die Krankenhausbehandlung sind viel zu hoch für sie: wieviel mehr die Langzeitbehandlung mit Bestimmung der notwendigen Insulindosis, der regelmäßigen Nahrungsaufnahme, die wiederkehrenden Arztbesuche. Die Familie hat zu Hause nicht mal einen Kühlschrank, wo das lebensnotwendige Insulin hätte gelagert werden können. Wie sollte das gehen?

Aus einem solchen ländlichen Umfeld stammte Kamika

Ärzte und die Klinikleitung waren erschüttert und haben sich um das Mädchen mit Gottes Hilfe gekümmert. Inzwischen hat die Therapie angeschlagen und Kamika sich stabilisiert. Wir konnten ihre Mutter über Insulintherapie und diabetische Kost aufklären. Doch wie sollten sie im häuslichen Umfeld eine Behandlung und Lagermöglichkeiten fürs Insulin finden? Gemeinsam mit einer Kölner Initiative und der Inter-Mission konnte eine Patenschaft für Kamika organisiert werden. Seiter sind die Kosten für Behandlung, Unterkunft in einem Hostel und ihre Schulkosten über eine Patenschaft gedeckt. Das Mädchen bekommt entsprechende Betreuung.

Kamika ist glücklich und wohlauf und geht fröhlich zur Schule. Sie ist mir auch nach meinem Einsatz in Südasien im Herzen geblieben. Für andere mag Kamika nur eine von tausend kranken Menschen hier sein – ich sehe in ihr eine wie am Teich Bethesda, die den Herrn traf und von ihm Zukunft und Hoffnung bekommen hat. Wer weiß, wie viele Wunder noch inbegriffen sind, wenn wir unsere Hände und Herzen weiter öffnen, damit Menschen wie sie eine Chance zum Leben bekommen.

Von Esther Busari
Ärztin in Mönchengladbach

Kamika heute …

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